Thomas Dormann

Mitgründer des Möbelkollektivs

Lesedauer: 8 Minuten

Begegnungen mit Thomas Dormann ähneln oft einem Interview. Dabei ist nie so ganz klar, ob er nun den Befragten gibt, oder ob er derjenige ist, der von seinem Gesprächspartner etwas wissen möchte. Es ist auch ganz egal! Thomas beherrscht die Kunst des guten Gesprächs und das Spiel mit der Zeit.

Überhaupt versucht er mit dem Möbelkollektiv in Nürnberg ein Spiel zu verändern und hat dabei einen ganz eigenen menschlichen und unternehmerischen Weg gefunden. Andere gehen ihn mit ihm und das hat gute Gründe.

Hallo Thomas! Vielleicht ist es eine eher untypische Einstiegsfrage in eine Unterhaltung. Aber hier oben im Möbelkollektiv ist es unglaublich ruhig. Man neigt zu flüstern. Geht es hier auch mal laut zu?

Hallo Jürgen! Bloß nicht flüstern. 😉 Nein, hier wird es auch mal lauter und oft ziemlich lustig. Aber es ist schon wichtig, die unterschiedlich genutzten Bereiche möglichst wirksam abzuschirmen. Oft sitzen sonst in einem für kommunikativen Austausch geplanten Raum lauter „Kopfhörermenschen“. Die Akustik soll in jedem Fall funktionieren.

Du betreibst das Möbelkollektiv zusammen mit Deinem Partner Jens Hofmann. Was ist Eure Kernidee hinter dem Unternehmen? Was ist ein Möbelkollektiv?

Das Möbelkollektiv konzipiert individuelle Raumstrukturen passend zur aktuellen und in Zukunft notwendigen Arbeitsorganisation. Wir emotionalisieren die Räume, damit sich Menschen zurechtfinden und insgesamt wohlfühlen. Maximale individuelle Freiheit in einem Umfeld, das gleichzeitig Verständnis für die Anderen, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft fördert.

Wir arbeiten selbst oft in ganz unterschiedlichen Kombinationen und mit diversen Rollen in unseren Projekten. Dabei merken wir, welches Potential an Geschwindigkeit, Kreativität und Qualität durch diese Arbeitsform und ihre spannenden Methoden entsteht. Wir wollen unseren Beitrag leisten, Arbeit neu zu denken und dies auch im Netzwerk umzusetzen!

Mit welchem Problem kommen Kunden auf Euch zu? Welche Lösungen suchen Menschen bei Euch?

Die Arbeitsorte passen nicht mehr zu den Anforderungen. Mal hakt es an der Möglichkeit zur Innovation, mal an der Attraktivität und mal passt die Umgebung nicht mehr zur Kultur. Oft suchen unsere Partner nach den richtigen Ideen für Ihre ganz eigene Arbeitswelt.

Wie sieht denn ein gutes Kundenprojekt aus Deiner Sicht aus? Welchen Weg geht ihr mit Euren Partnern zusammen, um am Ende am gewünschten Ziel zu stehen?

Das ideale Projekt baut auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Mitarbeiters auf und ist stets gemeinsam und flexibel vom Raum zum Gebäude gedacht. Das haben wir in der Praxis leider noch nie so erlebt! Aber es macht deshalb unbedingt Sinn, mit den betroffenen Menschen zusammen die vorhandene Situation organisatorisch und kulturell zu analysieren, gemeinsam in die Zukunft zu blicken und eine Umgebung zu entwerfen, die wirklich Sinn macht. Häufig setzen wir die entwickelten Visualisierungen auch baulich um und sorgen für die Ausstattung.

Aus welchen Quellen schöpft ihr Euer Wissen, das Kunden bei Euch abfragen? Wie lasst ihr Euch auch als Team inspirieren?

Aus unserem Netzwerk und aus Erfahrungen mit Projekten der letzten 25 Jahre. Und täglich lernen wir selbst Neues durch Beobachtung, Ausprobieren, Scheitern und von vorne. Als Team sind wir nicht statisch, sondern in vielen Projekten sehr divers unterwegs. Das führt zu unglaublich vielen schnellen Ideen und Lösungen. Manches wird dabei kritisch hinterfragt oder ganz verworfen.

Wenn man Dir gegenübersitzt, dann hat man einen sehr aufgeräumt wirkenden Menschen vor sich, der wohl sehr genau weiß, wo er im übertragenen Sinne Dinge hinstellen wird oder wo er etwas findet.

Lass uns meinen persönlichen Eindruck von Dir mal mit dem Möbelkollektiv und Deiner täglichen Arbeit hier in Verbindung bringen.

Wie sehr sieht man einen Thomas Dormann auf dieser Fläche? Wo kann man ihn entdecken, wenn er gerade nicht anwesend ist?

Die „Kollektiven“ werden mich bestimmt an der Kaffeemaschine verorten, weil ich dort häufig mit verschiedenen Menschen beispielsweise über Arbeitsethik spreche. Die Umsetzung meiner Überzeugungen findest Du nonverbal in jeder Ecke des Büros. Unsere Grundidee ist das Kooperieren ohne Erwartungshaltung. Wir bieten zum Beispiel verschiedene Fahrzeuge zum freien und kollektiven Gebrauch. Smart, E-Bike oder Roller. Alles „gehört“ allen klingt ja erstmal utopisch, funktioniert aber seit bald 5 Jahren prima!

Wie bist du dazu gekommen, eine eigene Firma zu gründen? Immerhin bringt eine solche Handlung große Risiken mit sich.

Ja, das stimmt. Aber eigentlich gab es die Risiken vorher ja auch. Als Angestellter in Unternehmen, die es schon nicht mehr gibt oder in der Selbstständigkeit. Wir wollten dann lieber die eigene Vorstellung von lebenswerten Arbeitsorten umsetzen und das Risiko ist dabei unser ständiger Antrieb nicht abzuheben. Da wir Disruptionen als permanenten Zustand sehen, wollen wir unbedingt betriebswirtschaftlich schlank und flexibel bleiben.

Würdest du jungen Menschen raten ein Unternehmen zu gründen? Welche Eigenschaften muss man besitzen, um als Gründer erfolgreich zu sein?

Unbedingt! Unternehmen tragen die Wirtschaft aber Unternehmer verändern das Spiel. Als Gründer musst Du nicht hexen können und selbstständig heißt auch nicht selbst und ständig. Burnout als Statusnachweis zu riskieren, ist nicht nachhaltig gedacht. Realistische Zuversicht, Selbstvertrauen und besonders das Vertrauen in andere Personen sind für mich Basics.

Im Gespräch mit Dir wird unweigerlich klar, dass Dich der Status Quo nicht zufrieden stellt. Deine unternehmerische Haltung und Dein Blick auf gesellschaftliche Themen gehen dabei über Sichtbares im Möbelkollektiv deutlich hinaus.

Woher kommt Dein Antrieb zur Veränderung?

Wir gestalten die Arbeitsumgebung, die Organisationen verändert. Wir unterstützen damit individuelle Freiheit und die Motivation zur Kooperation. So wollen wir in Zukunft nicht nur arbeiten, sondern insgesamt leben. Eine Trennung zwischen beidem besteht für uns nicht.

Es liegt in der Natur Eurer Sache, dass ihr Euch intensiv mit der Kultur der Arbeit beschäftigt. Wie würdest Du diesen Begriff definieren?

Arbeit ist so Vieles. Wir kennen viel mehr Spielarten der Arbeit als den Standard, den wir oft im Kopf haben. Das Arbeiten mit Kindern, im Schrebergarten, im Ehrenamt oder in der Kunst. Es gibt jedoch drei Grundmotive, die wir für die Arbeit identifiziert haben. Zum einen Sicherheit! Die Menschen wollen Beständigkeit, eindeutige gemeinsame und gerechte Regeln, ausreichende Informationen und eine funktionierende Kommunikation.
Bestätigung! In einer Zukunft, die nachhaltiges Wirtschaften als Lösung sieht, wird die Selbstbestätigung aufgrund permanenten Konsums durch neue positive Ziele ersetzt.
Kooperation! Menschen sind eigentlich von Natur aus motiviert zusammenzuarbeiten, um dann die Lösungen ständig weiterzuentwickeln.

Darauf beruht unser Erfolg als Mensch! Gemeinschaftlicher Nutzen selbstwirksam bestimmt, führt zu einer neuen Ebene der Arbeit.

Arbeit ist aktuell noch ein stabilisierender Faktor in unserer Gesellschaft. Durch äußere Einflüsse bedingt, rücken wir scheinbar nun doch etwas vom klassischen Charakter bekannter Erwerbstätigkeiten ab. „Neue“ Modelle werden nicht mehr nur diskutiert, sondern notgedrungen durchgesetzt.

Mehr Home Office aufgrund einer Pandemie, die Technologisierung ganzer Arbeitswelten durch Robotisierung und Automatisierung, sowie umfängliche Veränderungen bei der Art zu arbeiten, weil Menschen noch mobiler geworden sind und Ländergrenzen im virtuellen Raum keine gewichtige Rolle mehr spielen müssen.

Welchen Aspekten müssen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deiner Meinung nach in den kommenden 5 Jahren stellen? Hast Du ein Bauchgefühl was die Zukunft betrifft?

Wir denken gerne möglichst konkret über zukünftige Modelle nach und beschäftigen uns mit dem Weg dorthin. Zum Beispiel werden wir in Zukunft einen sehr hohen Grad an schnellen Methoden zur Adaption beherrschen und werden diese Fähigkeiten überwiegend in nachhaltige Dienstleistungen für andere Menschen umsetzen. Hierfür braucht es die passenden Umgebungen, die alle Varianten analoger wie digitaler Interaktion möglich machen. Individuell, modular und flexibel.

Eine ganz persönliche Frage zum Abschluss! Wie würdest Du deinen Kindern den Umgang mit Veränderung beibringen?

Beibringen? Die Kinder haben uns doch eigentlich viel voraus, was uns dann irgendwie leider abhandengekommen ist. Sie sind meist offen, neugierig, kooperativ und haben Freude am Moment. Meine Erfahrung ist folgende. Veränderungen finden immer statt, sie bieten viele Chancen und damit können wir unsere Welt immer wieder neu entdecken. Das ist doch ein Geschenk!

Ein Geschenk wäre jetzt auch noch eine Tasse Kaffee von Dir. Vielen herzlichen Dank für Deine Zeit!

 

Interview: Jürgen Müller // Bilder: Verena Kaister // Ort: Möbelkollektiv