Sven Latzel

Berater und Trainer für Soziokratie

Lesezeit: ca. 8 Minuten

 

Organisationsentwicklung! Die richtigen Strukturen für eine sinnstiftende und motivierende Art der Arbeit zu finden. Das ist es, wonach gerufen wird - und zwar lauter denn je. Die Zeit ist reif für Veränderungen und ein einfaches "Weiter so" kann es für viele Firmen und Institutionen nicht geben. Alte, von verklebten Strukturen geprägte Organisationen, verlieren zunehmend ihren Einfluss und sich schnell wandelnde Märkte setzen den Unternehmen weiter zu. Die Erkenntnis reagieren zu müssen, tritt meist erst spät ein. Oft zu spät.

Die Konsequenz: Es entsteht ein unermesslicher Druck auf alle Beteiligten, verbunden mit negativen Folgen. Unternehmen müssen also flexibler, effektiver und schneller werden. Offener für den Wandel und mutiger bei der Umsetzung. Dazu bedarf es passender und zeitgemäßer Formen der Auf- und Einstellung von Menschen, denn von ihnen wird die digitale Transformation gestaltet.

Die Soziokratie liefert dazu spannende Ansätze. Ob sie aber die Lösungen für alle bestehenden Probleme beinhaltet, wird sie beweisen müssen. Im Gespräch mit dem Trainer und Berater Sven Latzel aus Nürnberg habe ich in seinen eigenen vier Wänden den Einruck gewinnen dürfen, dass es in jedem Fall ganz besondere Typen sind, die sich mit Leidenschaft diesem Thema verschrieben haben.

Hallo Sven!

Erzähl mal kurz über Dich. Wo kommst Du her und was tust Du so den lieben langen Tag?

Geboren wurde ich 1980 in Münchberg. Das ist ganz im Norden von Bayern, in Oberfranken. Als ich fünf Jahre alt war zogen meine Familie und ich nach Erlangen. Hier wuchs ich als kleiner Lausbub auf und zog dann mit Anfang Zwanzig nach Nürnberg. In dieser Stadt habe ich dann auch die letzten 17 Jahre verbracht, unterbrochen von einer 19-monatigen Weltreise mit meiner Frau.

Mein Tag startet mit einem Morgenritual, bestehend aus einer Tasse Kaffee, den Nachrichten per Radio und manchmal einer Meditation. Wenn ich nicht zu Kunden fahre, dann lasse ich mich gerne den Tag über treiben und pendele zwischen arbeiten vor dem Rechner, rausgehen und die Sonne genießen und Hausarbeit.

 

 

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Wie kommt man denn als „gelernter“ IT-ler auf das Thema Re-Organisation und Soziokratie? Da muss Dich doch immens etwas gestört haben?

Als meine Frau und ich 2015 Richtung Nepal los geflogen sind, hat mich noch nicht so viel gestört. Ich hatte so ein latent optimistisches Weltbild, dass das schon alles mit uns Menschen irgendwie hinhauen wird. Doch dies änderte sich in den folgenden Monaten massiv.

Einerseits wurden wir Zeugen der enormen Abholzung von Regenwäldern in ganz Südostasien, der extremen Müllberge auf und neben den Straßen in Indien und den durch Landwirtschaft verwüsteten Gebieten in Kambodscha. Andererseits begegneten wir der Lehre der Achtsamkeit, die tief im Buddhismus verwurzelt ist. Eine Schule, in der man lernt Dinge so zu sehen wie sie sind. In der man sich möglichst frei macht von den eigenen Konzepten von Gut und Böse, Schön und Hässlich.

Meine Schlussfolgerung dieser Erfahrungen war und ist, dass wir alle es nicht schlecht meinen mit unserer Umwelt, sondern dass es gute Gründe dafür gibt, warum jeder so handelt wie er es tut, dass aber die Konzepte und Regeln, nach denen wir leben, dazu führen, dass wir uns und unsere Umwelt ins Unglück stürzen.

Als ich währenddessen Soziokratie und anderen Werkzeugen für eine gleichberechtigte, achtsame und effektive Zusammenarbeit begegnete war für mich klar, dass hier meine Zukunft des Wirkens liegen wird.

 

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Du lebst hier in Nürnberg im Stadtteil Kleinweidenmühle sehr puristisch und reduziert. Steht das in Zusammenhang mit Deinen Reiseerfahrungen?

Absolut! Wenn man über eineinhalb Jahre aus dem Rucksack heraus lebt, merkt man wie wenig wirklich nötig ist um glücklich zu sein. Vor der Reise hatten wir unseren gesamten Hausstand auf die Hälfte reduziert. Als wir dann nach Hause kamen, haben wir von der Hälfte gleich nochmal 50% weg.

Jetzt kaufe ich mir nur noch Sachen die ich wirklich brauche. So habe ich weniger Ballast und kann mich freier bewegen.

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Erkläre uns Lesern doch mal bitte in kurzen Worten die Grundlagen der Soziokratie und wie sich diese von anderen praktizierten Organisationsformen unterscheidet.

An sich besteht die Soziokratie aus vielen verschiedenen Werkzeugen und Prinzipien die harmonisch zusammenwirken. Es gibt aber ein ein paar sehr zentrale Bestandteile um die herum sich die Soziokratie entfaltet.

Ein Kern ist Entscheidungen im Konsent zu treffen. Konsent muss man hierbei deutlich von Konsenz unterscheiden. Beim Konsenz geht es darum, dass alle einverstanden sind. Beim Konsent wiederum trifft man eine Entscheidung solange es keinen begründete Einwand gibt es anders zu entscheiden.

Besonders die Wertschätzung von Einwänden als etwas Positives von dem man lernen kann ist ein sehr bedeutender Perspektivwechsel.

Auch sehr wichtig ist das Konzept der Rollen. Anstatt Verantwortlichkeiten und Hoheitsgebiete direkt auf Personen zu verteilen, definiert man Rollen. Diese Rollen werden dann in einem offenen Wahlprozess auf Personen für einen bestimmten Zeitraum verteilt.

Um den Fluss von Informationen und Werten innerhalb einer Organisation zu gestalten, nutzt man das Konzept der doppelten Verlinkung. Dabei werden in den Teams (Kreisen) Repräsentanten gewählt, die in den nächsthöheren Kreis entsandt werden und andersherum wird ein Repräsentant aus dem dem höheren Kreis in den untergeordneten gesandt. Beide Repräsentanten haben immer die gleichen Rechte Einwände vorzubringen.

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Auf Deiner Seite https://soziokratie.biz/ schilderst Du die Soziokratie 3.0. Es ist also eine Weiterentwicklung in diesem sogenannten Framework zur Zusammenarbeit zu erkennen. Eine neue und aktuelle Version. Welche Patterns sind mit dazu gekommen?

Besonders die Verbindung von Methoden aus der Agilität (z.B. Kanban Boards) und der Soziokratie machen für mich den entscheidenden Unterschied. So entsteht ein umfassendes Framework, welches in seinem Zusammenspiel eine Organisation im Ganzen nachhaltig positiv voranbringen kann.

Daneben gibt es noch weitere neue Tools wie Treiber, Treiber Mapping, Navigation via Spannung und einiges mehr.

 

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Würdest Du sagen, dass die Soziokratie für alle Branchen und Organisationen eine zeitgemäße Form ist sich aufzustellen?

Für mich ist Soziokratie eine mögliche Antwort von vielen und mit Sicherheit für den Moment meine favorisierte auf viele der Herausforderungen, denen sich Organisationen stellen müssen.

Jede Organisationsform hat ihre Stärken und Ihre Schwächen! Bei einem Katastropheneinsatz des technischen Hilfswerks und an einem Filmset ist es gut, wenn einer sagt wo es lang geht. Bei einem Unternehmen in einem globalen Markt, einer NGO oder den meisten anderen Formen von ständiger Zusammenarbeit oder Zusammenleben, sieht es allerdings anders aus.

Hier wirken Prinzipien und Regeln positiv, die jedem die Möglichkeit geben sich gleichberechtigt einzubringen und die dafür sorgen, dass Vertrauen in die anderen und sich wächst, die die Intelligenz des Schwarms (der Gruppe) nutzen um durchdachte Entscheidungen zu treffen.

 

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Stichwort Schwarm! Du bloggst auf Deiner Website dazu und in Deinen Augen kann unter Nutzung der Schwarmintelligenz jede Person die Richtung einer Gruppe mitbestimmen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass solche Vorhaben oft nur gut gemeinte Ideen bleiben und in der Praxis zu großen Schwierigkeiten führen können. Streit, Kompetenzgerangel und das Hinauszögern von Entscheidungen sind die Folge. Wie kann man diese Tendenzen unter Kontrolle bekommen?

Streit um Kompetenzen und Entscheidungen hat oft viel mit den individuellen Zielen und Werten der Beteiligten zu tun. Da diese meist nur implizit oder abstrakt in Form einer Vision im organisatorischen Kontext formuliert sind, ergibt sich viel Raum für Reibung.

In der Soziokratie 3.0 spielt hier der primäre Treiber der Organisation eine herausragende Rolle. Es geht darum eine gemeinsame Perspektive zu definieren, zu sichten was im Moment vorhanden ist und welcher Bedarf sich daraus ergibt. Diese sehr pragmatische Sichtweise macht es einfacher Entscheidungen und Einwände auf ihr Potential der Organisation zu schaden oder zu nützen hin zu beleuchten.

Daneben kommt aber auch der Rolle der Moderator*in und seiner/ihrer Fähigkeit die Werkzeuge und Prozesse der Soziokratie umzusetzen und dabei die Menschen mitzunehmen eine zentrale Bedeutung zu.

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Wir leben in Zeiten großer Veränderungen. Immer öfter hört man den Begriff VUCA, der eine volatile, unsichere und sich stets schnell verändernde Welt beschreiben will. Aus Deiner Sicht: Welche Fähigkeiten müssen Menschen in Zukunft vorhalten können, um in einer solchen Welt bestehen zu können? Welchen Beitrag kann denn dabei die Soziokratie leisten?

Um mit einer Veränderung umgehen zu können muss man diese erstmal als solche erkennen können. Das heißt, hinschauen statt wegsehen. Achtsam und wahrhaftig um sich blicken und wahrnehmen, was da ist und was sich verändert.

Erst wenn man etwas gesehen und verstanden hat, kann man akzeptieren und kreativ darauf reagieren. Ich liebe hier einen der Grundsätze der Permakultur “Turn the problem into a solution!”, da wir ja oft Veränderungen als Problem sehen. Aber überall wo sich etwas bewegt und Spannungen entstehen ist auch immer die Chance vorhanden zu wachsen und sich die Energie dieser Spannung zunutze zu machen.

Die Essenz der Soziokratie ermöglicht genau diese Organisationen. Dadurch, dass jeder die Möglichkeit hat Spannungen zu äußern und auf die Agenda des nächsten Steuerungs-Meetings zu setzen, entsteht ein sehr achtsames Unternehmen, welches schnell auf Veränderungen reagiert. Durch die gemeinsame und strukturierte Entwicklung von Entscheidungsvorlagen durch die, die am meisten von ihr betroffen sein werden, entfesselt man die Kreativität und Intelligenz der Gruppe. So findet man oft Lösungen, die aus dem möglichen Problem eine greifbare Chance machen.

 

Was bietest Du für Unternehmen und Einrichtungen an? Welche Erfahrungen hast Du bisher mit Deinem Engagement in Firmen machen können?

Mein größtes Anliegen ist es Menschen neue Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man zusammenarbeiten kann. Dass es nicht immer einen Chef und eine Hierarchie dafür braucht, sondern, dass es meist sogar besser ist diese ausgetretenen Pfade zu verlassen.

Da die Erkenntnis alleine nicht reicht, sondern für eine Transformation hin zu mehr soziokratischem Handeln und Entscheiden die Kultur der Organisation aktiv gestaltet werden muss, unterstütze ich Unternehmen gerne dabei.

Dies geht los mit der Beratung darüber, welche Werkzeuge sich wo und wie am sinnvollsten einsetzen lassen, über das Training von Mitarbeitern bis hin zu begleitender Moderation von Meetings in der Anfangsphase. Außerdem ist es sinnvoll über die  Anfangsphase hinweg immer wieder von außerhalb der Organisation zu reflektieren, wo es gerade gut läuft und wo man etwas anders machen könnte.

Da jede Organisation aber einzigartig ist, gibt es nicht das eine Grundrezept. Die einen wollen nur mal, dass ich ein wenig was darüber erzähle und machen dann den Rest. Andere wünschen sich vielleicht, dass ich über einen längeren Zeitraum oft vor Ort bin und unterstütze. Für mich gilt hier “Alles kann, nichts muss!”

 

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Was macht Sven Latzel eigentlich in seiner freien Zeit? Dort dreht sich doch hoffentlich nicht alles um Formen der Organisation und IT?! Oder?

Nein, tut es nicht 🙂 Es gibt eine ganze Reihe von Sachen die ich gerne mache, die nichts mit einem Computer oder einem Besprechungszimmer zu tun haben. Dazu zählen Meditieren, Sport treiben, Kochen, Kitesurfen, im Garten arbeiten, an unserem T3 schrauben und vieles mehr.

Danke Sven und alles Gute für Deine sehr spannende Zukunft!

 

Links:

https://sociocracy30.org/

https://de.wikipedia.org/wiki/Soziokratie

 

Bilder: EOS 7D mit Sigma EX 30mm/1:1.4